Seit Ende September 2026 veröffentlicht ArtCraft sieben kostenlose Open-Source-Programme, die Adobe-Apps wie Photoshop, Premiere und After Effects nachbauen. Der Entwickler Brandon Thomas nutzte dafür nach eigener Aussage Claude Opus 5.5 und Rust. Der Artikel prüft die Behauptungen aus viralen Beiträgen an GitHub, den READMEs und der Preisseite. Von einer einzigen Sitzung kann keine Rede sein: PhotoCraft zählt über 5 700 Commits und 411 Mitwirkende. Die Projekte nennen sich selbst Alpha, FilmCraft schätzt sich auf etwa 56 Prozent, EffectCraft auf etwa 45 % Reife für echte Produktion. Die Apps sind gratis, Geld verdient ArtCraft mit Abos für KI-Bild- und Videogenerierung. Dazu gibt es eine Fünf-Minuten-Checkliste für virale Software-Meldungen.

Sieben Programme, zusammen 142 932 GitHub-Sterne, und dazu der Satz „Photoshop in einer Sitzung nachgebaut“. Der erste Teil lässt sich belegen, der zweite nicht.
Seit Ende September 2026 macht eine Meldung die Runde: Ein Entwickler habe mit KI die Adobe-Software nachgebaut, gratis und quelloffen. Die Quelle erschien erstmals am 30. September 2026 und wurde zuletzt am 24. Oktober 2026 aktualisiert. Deshalb lohnt sich ein Blick in die Repositories, bevor du die Meldung weiterreichst. Dieser Artikel geht die Behauptungen einzeln durch und zeigt am Ende, wie du so etwas selbst prüfst.
Das Wichtigste in Kürze
- Die sieben Programme gibt es wirklich. PhotoCraft, VectorCraft, FilmCraft, LightCraft, EffectCraft, DesignCraft und PdfCraft liegen öffentlich auf GitHub, geschrieben in Rust und unter MIT oder Apache-2.0 lizenziert.
- „In einer Sitzung“ stimmt nicht. PhotoCraft hat über 5 700 Commits in 24 Tagen und 411 Konten in der Mitwirkendenliste, die Planung rechnet noch mit über 1 000 weiteren Arbeitsstunden bis zur Beta.
- Die Projekte nennen sich selbst unfertig. PhotoCraft ist laut README „not yet a Photoshop replacement for daily professional work“, FilmCraft schätzt sich auf etwa 56 Prozent, EffectCraft auf etwa 45 % Reife.
- Die Apps sind gratis, das Geld kommt aus KI-Abos. Auf der ArtCraft-Preisseite kostet das Basis-Abo 10 US-Dollar im Monat und enthält 1 000 Credits für KI-Bilder und Videos.
- Die Sterne sind gewachsen, die Zahl aus der Vorlage lässt sich nicht mehr prüfen. Heute stehen die sieben Repositories zusammen bei 142 932 Sternen.
Was geprüft wurde und was herauskam
Die Tabelle stellt jede Behauptung der Vorlage der Aussage der Primärquelle gegenüber. Alle Zahlen gelten für den Morgen des Stand-Tags.
| Behauptung | Befund | Einordnung |
|---|---|---|
| Sieben Open-Source-Programme Anfang Oktober | Die Repositories entstanden Ende September und Anfang Oktober 2026 | Stimmt, knapp vor dem Monatswechsel |
| Claude Opus 5.5 und Rust | Die ROADMAP von PhotoCraft nennt Opus 5.5, alle sieben Repositories sind in Rust geschrieben | Stimmt |
| Photoshop „in einer Sitzung“ nachgebaut | 5 773 Commits, 4 644 Pull Requests, 411 Mitwirkende bei PhotoCraft | Falsch |
| Über 86 000 Sterne nach etwa 1,5 Wochen | Heute 142 932 Sterne zusammen, PhotoCraft allein 72 021 | Rückblickend nicht prüfbar |
| FilmCraft etwa 56 Prozent, EffectCraft 45 Prozent bereit | Beide Zahlen stehen so in den READMEs | Stimmt |
| Abstürze unter Windows bei 16 GB Arbeitsspeicher | Windows gilt als wenig getestet, eine Angabe „16 GB“ fand sich nicht | Teilweise belegt |
| Apps gratis, Abos für KI-Credits | Die Preisseite listet drei Abos mit Credits für KI-Bilder und Videos | Stimmt |
Sieben Adobe-Nachbauten, ein Datum
Die Programme liegen bei GitHub in der Organisation „storytold“, die sich als ArtCraft präsentiert. PhotoCraft entstand am 30. September 2026, den ersten Commit schrieb Brandon Thomas. EffectCraft folgte am Tag danach, laut seiner README mit dem ersten Commit an diesem Tag.
Dabei fällt der Zeitraum auf. Die ersten Presseberichte kamen am 7. Oktober, etwa bei Gizmodo. Damals waren die Repositories sieben Tage alt. Zudem schreibt CineD, Thomas habe sie nicht so früh öffentlich machen wollen.
So verteilen sich die Sterne auf die sieben Programme:
| Programm | Vorbild | Sterne | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| PhotoCraft | Photoshop | 72 021 | Meistbeachtetes Repository |
| PdfCraft | Acrobat | 17 471 | Zweitplatziert |
| FilmCraft | Premiere Pro | 15 928 | README: etwa 56 % Reife |
| LightCraft | Lightroom | 14 466 | Entstand wie die Schwesterprojekte um den Monatswechsel |
| VectorCraft | Illustrator | 10 536 | Alle unter MIT oder Apache-2.0 |
| EffectCraft | After Effects | 7 794 | README: etwa 45 % Reife |
| DesignCraft | InDesign | 4 716 | Jüngstes Repository mit den wenigsten Sternen |
Zusammen ergibt das 142 932 Sterne. Die „86.00“ der Vorlage lese ich als 86 000. Welcher Wert nach anderthalb Wochen auf der Anzeige stand, lässt sich heute nicht mehr nachprüfen, denn die Schnittstelle liefert keinen Verlauf. Sicher ist, dass die Aufmerksamkeit gross war und weiter wächst.
„In einer Sitzung“: Das zeigt die Commit-Historie
Dass Claude Opus 5.5 den Hauptteil der Arbeit leistet, ist belegt. Die ROADMAP von PhotoCraft rechnet ihre Restzeit in „Opus 5.5 agent wall-clock hours“, und in EffectCraft steht ein Konto namens „claude“ mit 188 Commits in der Mitwirkendenliste. Auch CineD und Al Jazeera berichten, Thomas habe Opus 5.5 benutzt.
Von einer Sitzung ist in keiner Quelle die Rede. Dagegen sprechen die Zahlen:
- PhotoCraft hat 5 773 Commits seit dem 30. September, rund 240 pro Tag.
- Die Suche nach Pull Requests ergibt 4 644 Treffer, die ROADMAP stützt ihre Kalibrierung auf 1 004 gemergte PRs.
- In der Mitwirkendenliste stehen 411 Konten, die beiden aktivsten kommen auf 772 und 730 Commits.
- Die Planung beziffert den Weg bis zur Beta auf etwa 1 100 bis 1 800 Agenten-Arbeitsstunden.
So trifft das Bild einer einzelnen Eingabe, aus der ein Photoshop fällt, nicht zu. Es ist ein laufendes Projekt mit vielen Beteiligten, das ein KI-Modell in grossem Umfang einsetzt.
Was die READMEs über die Reife sagen
Die Projekte selbst sind zurückhaltender als ihre Verbreitung. So schreibt PhotoCraft, es sei im frühen Alpha-Stadium und „not yet a Photoshop replacement for daily professional work“. Es fehlen laut README 15 Werkzeuge, dazu Tiefe bei Typografie und Plug-in-Kompatibilität.
Dabei nennt FilmCraft zwei Werte, gemessen am 10. Oktober: rund 86 % Funktionsbreite und rund 56 % „ready for real work“. EffectCraft schätzt sich auf rund 45 % des Wegs zur vollen Produktionsreife und rät von Kundenprojekten ab.
Auch zur Plattform äussert sich EffectCraft: „macOS is the most tested platform.“ Windows- und Linux-Nutzer hätten grundlegende Bedienfehler gefunden. FilmCraft bestätigt, Windows und Linux würden viel weniger getestet als macOS. Offene Meldungen zeigen die Folgen dieser Lage: Ein Issue bei FilmCraft beschreibt ein Einfrieren unter Windows mit rund 12 GB belegtem Arbeitsspeicher beim Import einer grossen Videodatei, ein anderes bei EffectCraft einen Absturz mit Speicherleck beim Export. Die Angabe „16 GB“ aus der Vorlage fand sich in keiner Quelle und bleibt deshalb unbestätigt.
Wer zahlt: Das Geschäftsmodell
Die Programme kosten nichts. Auf der Preisseite von ArtCraft stehen drei Abos, die Credits für KI-Bilder und Videos enthalten:
| Abo | Preis pro Monat | Credits pro Monat | Beispiel laut Preisseite |
|---|---|---|---|
| Basic | 10 US-Dollar (aktuell 8 mit 20 Prozent Rabatt) | 1 000 | etwa 250 Nano-Banana-Bilder |
| Pro | 35 US-Dollar (aktuell 28) | 3 750 | etwa 938 Nano-Banana-Bilder |
| Max | 60 US-Dollar (aktuell 48) | 6 600 | etwa 1 650 Nano-Banana-Bilder |
Jährlich kosten die Abos 96, 336 und 576 US-Dollar. Zudem schreibt ArtCraft: „ArtCraft can be used without paying for a subscription.“ Wer das Abo nicht wolle, könne eigene Rechenleistung und fremde Abos mitbringen. Bezahlt wird also die KI-Generierung, nicht die Bildbearbeitung. Das Repository „artcraft“ besteht seit 2022, die sieben Craft-Apps kamen im September 2026 dazu.
Offen bleibt die Rechtsfrage. Thomas nennt die Apps „clean-room“-Nachbauten aus öffentlichen Spezifikationen. Der Rechtsexperte Andres Guadamuz sagte laut Al Jazeera, es sei nicht bekannt, ob dieser Anspruch einer Prüfung standhalte.
So prüfst du eine virale Software-Meldung in fünf Minuten
Damit lässt sich jede Meldung dieser Art prüfen. Die fünf Schritte brauchen keinen Programmierhintergrund. Die GitHub-Befehle sind eine Abkürzung, alles steht auch im Browser.
- Repo öffnen: Gibt es das Repository wirklich, wann wurde es angelegt, wer ist Inhaber? Ein Konto, das ein Jahr alt ist, wirkt anders als eines vom Vortag.
- README lesen: Suche nach Stichworten wie „alpha“, „status“, „not yet“, „known issues“. Die Projekte sagen oft selbst, wie weit sie sind.
- Lizenz prüfen: Steht eine Lizenzdatei im Repository, und erlaubt sie, was du vorhast? Ein „gratis“ in der Überschrift ersetzt sie nicht.
- Commits und Issues ansehen: Wie viele Commits, wie viele Beteiligte, wie viele offene Fehlermeldungen? Das zeigt, ob ein Projekt lebt und wie reif es ist.
- Geschäftsmodell finden: Frage dich, wer daran verdient. Die Preisseite oder ein „Pricing“-Link verrät es meist in einer Minute.
Für die Schritte 1 und 4 reichen zwei Befehle:
gh api repos/OWNER/REPO -q '[.stargazers_count,.created_at,.pushed_at,.license.spdx_id,.open_issues_count]'
gh api 'repos/OWNER/REPO/commits?per_page=1' -i | grep -i '^link:'
So liefert der erste Befehl Sterne, Anlagedatum, letzte Änderung, Lizenz und offene Meldungen. Der zweite zeigt in der Zeile „last“ die Zahl der Commits. Wie Sterne ausgewertet werden, hat GitHub kürzlich eingeschränkt, siehe GitHub sperrt die Stargazer- und Watcher-API für Fremde.
Einordnung: Was das für Grafiker, Redaktionen und Firmen heisst
Deshalb gilt für Grafikerinnen und Grafiker: PhotoCraft ist heute ein Werkzeug zum Ausprobieren, aber noch keine Photoshop-Alternative für Kundenaufträge. Das sagen die READMEs selbst, besonders bei Typografie, Plug-ins und Windows. Redaktionen und Influencer, die über solche Projekte berichten, brauchen nur zehn Minuten: Repository, README und Commit-Zahl zeigen, ob „in einer Sitzung“ stimmt. Firmen in der Schweiz, die Software beschaffen, sollten Lizenz, Update-Pflege und Support klären, bevor sie ein Alpha-Programm einsetzen. Dass ein KI-Modell innerhalb von Wochen so viel Code liefert, ändert die Rechnung für Entwicklungsteams, ersetzt aber weder Spezifikation noch Tests noch Release-Prozesse. Genau dort liegt die Arbeit, die in den Repositories sichtbar ist.
Damit lässt sich die Frage nach dem Ende der Softwareentwicklung beantworten. Wer sich die Quellen ansieht, findet viel Entwicklungsarbeit mit Tests, Parity-Messungen und Release-Dateien für drei Betriebssysteme. Von einem Ende der Softwareentwicklung ist dort nichts zu sehen.
Fazit
Die sieben Programme von ArtCraft existieren, sind quelloffen und mit Claude Opus 5.5 in Rust entstanden. Die Aussage „in einer Sitzung“ halten die Quellen nicht: Mehr als 5 700 Commits und 411 Mitwirkende stehen dagegen. Die Projekte nennen sich selbst Alpha, und das Geld kommt aus Abos für KI-Generierung. Prüfe vor dem Weiterleiten Repository, README, Lizenz, Commit-Historie und Geschäftsmodell, das dauert fünf Minuten.
Quellen: PhotoCraft-Repository (README, ROADMAP, Commits), FilmCraft-Repository (Status), EffectCraft-Repository (Where it stands), ArtCraft, Preisseite, CineD, 12.10.2026, Al Jazeera, 14.10.2026, Gizmodo, 7.10.2026. Stand: 24. Oktober 2026. Die Repositories entstanden am 30.9. und 1.10.2026 und wurden zuletzt am 24.10.2026 aktualisiert. Sterne, Commits und Issues stammen aus der Schnittstelle von GitHub, abgerufen am Stand-Tag.
Geschrieben von Andreas Brauckmann · So arbeitet die Redaktion
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